annyclaws schreibt

Liebe, Leben und ganz viel Chaos

Kategorie: Vergangenheit

Über Enttäuschung und Freundschaft

In letzter Zeit geht mir Vieles durch den Kopf. Und da gibt es auch diesen großen Punkt: Freundschaft. Für mich ist Freundschaft unbeschreiblich wichtig. Meine Freunde gehören zu meiner Familie. Sie sitzen in meinem Kopf und in meinem Herzen und haben sich dort verankert. Umso schmerzvoller ist es, wenn sie dann aus meinem Herzen gerissen werden. Es ist unbeschreiblich grausam und obwohl es heilt, tut es das sehr, sehr langsam. Es ist unfair und ich kann und werde es nie verstehen können. Mein Verstand kann es nicht fassen, dass ich geliebte Menschen auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen werde. Manchmal reißen mir alltägliche Dinge den Boden unter den Füßen weg, weil ich sie mit ihnen verbinde. Und auf eine (vielleicht sadistische) Art und Weise macht es mich auch glücklich und froh, denn es zeigt mir: Ihr werdet nicht vergessen. Ihr habt noch immer euren Platz bei mir, denn ich erinnere mich stets an euer Gesicht, an euer Lachen, an die schöne, gemeinsame Zeit.

Nun gibt es aber auch die große Enttäuschung. Wenn ich alles auf die Waagschale lege für eine Person, die mir unglaublich wichtig erscheint – egal ob ich diese Person schon sehr lange kenne, oder erst seit Kurzem – und diese eine Person nicht den Gegenwert auf die andere Schale legt, obwohl es zu Anfang den Anschein hat. Dann nimmt sie nur, sie benutzt mich. Sie nutzt mein (naives) Urvertrauen in die Menschen aus. Mein Vertrauen, das ich auf sie setze. Dann wird aus dem Geben und Nehmen, das es anfänglich ist nur noch Ausnutzung und genau das erschüttert mich immer wieder, obwohl ich es doch eigentlich mittlerweile besser wissen müsste.

Man darf in einer Freundschaft natürlich auch mal egoistisch sein. Man darf verlangen,  im Rampenlicht zu stehen. Man muss aber auch die Kunst besitzen, wieder von der Bühne steigen zu können, sich zu verbeugen und dem Freund den Weg nach oben zu zeigen. Es bedarf auch der Kunst, sich Kritik anhören zu können – mit der Erlaubnis, sich erst einmal darüber zu empören – zu reflektieren, anzunehmen und zu versuchen, es besser zu machen. Das Wichtigste ist dabei, dem Freund die Kritik zuzugestehen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Auch wenn man sich zu Unrecht angegriffen fühlt. Denn eigentlich sollte man wissen, dass der Freund einem nichts Böses will, denn selbst kritisiert man ja schließlich auch und das nicht, weil man perfide Hintergedanken hat, sondern einfach nur, weil man sich Gedanken macht und nicht möchte, dass aus einer vielleicht winzig kleinen Fliege ein riesiger großer Elefant wird. Man möchte helfen, dass der Freund nicht an anderer Stelle aneckt und es ihm dann schlecht geht. Genau das verlangt man im Gegenzug auch von ihm. Nur mit Hilfe solcher Menschen hört man auf, auf der Stelle zu treten, entwickelt sich weiter und wächst.

Ich werde dennoch nicht aufgeben und immer wieder alles in die Waagschale legen. Ich werde ziemlich sicher meistens enttäuscht werden und trotzdem werde ich mich wieder aufrappeln und es wieder tun. Denn in ein paar wenigen, seltenen Fällen, da lohnt sich der Mut und die Wagnis. Und am Ende steht man dann da und wird an die Hand genommen und sie wird nie wieder losgelassen.

12 Monate

Mein lieber Sohn,

mein Augenstern, mein Herzblut, mein Alles. Schon sind wieder ein paar Tage vergangen. Wir feierten gemeinsam deinen ersten Geburtstag. Wir als Familie. Gerade am Donnerstag wurde mir das wieder ein Stückchen mehr klar, öffneten sich meine Augen und ich sah dich und deinen Papa und dachte “WIR.”. Du machst für mich alles so viel einfacher, so viel erträglicher und so viel bunter. Ich sehe positiv. So positiv wie noch nie zuvor. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so wahrnehmen könnte, selbst meine euphorischsten, glücklichsten Momenten in der Vergangenheit sind nichts gegen das Hier und Jetzt. Heute war ein Kuscheltag für uns beide. Wir konnten den ganzen Tag gemeinsam verbringen, da ich heute nirgendwo hin musste. Als ich dich heute früh in unser Bett holte, warst du hellwach. Du wolltest spielen, klettern, unterhalten und unterhalten werden. Und dann in den zehn Minuten, in denen wir alleine im Bett lagen und darauf warteten, dass dich dein Papa holt (und ich mich nochmal kurz umdrehen konnte), da hast du dich neben mich gelegt und mich angeschaut mit deinen wunderschönen Augen. Du hast mich angeblickt und mir dann vorsichtig deine Hand auf die Wange gelegt. Deine Art “Ich liebe dich” zu sagen. Danach hast du dein Däumchen in den Mund geschoben und dich an mich gekuschelt. Nur ein Moment, so kostbar.

Heute hast du dich auch das erste Mal getraut, alleine, freihändig zu stehen. Mehr zufällig, denke ich. Du hast einfach das Tischbein losgelassen und standest da. Wackelig. Mich und deine Füße im Wechsel ungläubig anschauend. Dann bist du auf deinen Windelpopo geplumpst. Und kurze Zeit später gabs die ersten noch wackeligeren Schritte. Frei. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie stolz ich in dem Augenblick auf dich war!

Gestern hast du damit angefangen und auch heute hast du ein paar Runden um den Wohnzimmertisch gedreht. Laufend und dabei immer ganz laut und deutlich “maaaMa!” sagend. Immer wieder. Und du hast mich dabei bewusst angeschaut. Und wie immer, wenn du mich rufst, wenn du “Mama” sagst, dann tanzt mein Herz vor Freude und in mir gibt es kein Halten mehr.

Ich weiß, dieser hier ist nicht wie die anderen Rückblicke. Denn dein allererstes Kapitel ist nun geschrieben. Und obwohl ich mit gemischten Gefühlen, Stolz, Liebe, Wehmut auf das vergangene Jahr zurückblicke, schaue ich gleichzeitig voll Vorfreude auf das nächste. Denn wir werden auch dieses gemeinsam gehen. Als Familie. Was kann es Schöneres geben?

Weißt du, mein liebes Reisbällchen, du hast an deinem Geburtstag so viele wunder- wunderschöne Geschenke bekommen und so schöne Stunden mit Familie und Freunden verbracht, Menschen, die dich lieben und doch habe ich das Gefühl, die Beschenkte zu sein.

Ich liebe dich.

Deine maaaMa

Heute vor einem Jahr

Heute vor einem Jahr, vor genau einem Jahr, da machte es Plopp. Einfach so, so ganz ohne Vorwarnung. Und was dann kam, das schrieb ich in dem Geburtsbericht auf und möchte es hier noch einmal nachempfinden. Es ist ein sehr langer Bericht geworden, da ich schon im Krankenhaus, bevor die ersten Wehen einsetzten, anfing, mir Notizen zu machen. Wie ich nun mal bin, wollte ich alles festhalten, meine Gedanken, die Gefühle, alles. Wenn euch meine Sentimentalität noch nicht zum Hals raus hängt, dann wünsche ich euch jetzt viel Spaß beim lesen. :)

Geburtsbericht

Mittwoch, 03. November 2010

05:31

Es ist also soweit. Ich bekomme mein Baby! Nicht jetzt sofort natürlich, sonst würde ich mir gerade bestimmt keine Notizen machen. Es wird aber nicht mehr allzu lange dauern…

Gestern Abend um ca. 23 Uhr liege ich (so gut es mit Kugelbauch geht) am Mann gekuschelt im Bett, beide sind wir fast eingeschlafen… da macht es PLOPP und ich laufe aus. Ich spüre also, wie es zwischen meinen Beinen warm und feucht wird und sage nur “Oh-oh! Ich glaub, meine Fruchtblase ist gerade geplatzt…”, lache etwas hilflos und “springe” auf, presse mir die Hände zwischen die Beine und “sprinte” zum Klo. Vom Mann kommt nach ein paar Sekunden erst ein ungläubiges “Echt jetzt???” und kurze Zeit später “Nee, man, ich will pennen.” Worauf ich auf dem Klo sitzend laut anfangen muss zu lachen. Dadurch kommt ein weiterer Schwall Fruchtwasser und ich fange an, vor Aufregung zu zittern und kann auch nicht mehr damit aufhören.

Ein bisschen motzig brummel‘ ich vor mich hin, dass ich jetzt absolut keine Lust habe, in die Klinik zu fahren, ich will eigentlich nur wieder ins warme, kuschelige Bett! Aufgeregt bleibe ich aber weiterhin und stehe zähneklappernd und zitternd im Schlafzimmer, schaue mich um und beschließe, erst einmal Mama anzurufen. Nach ein paar beruhigenden Worten lege ich auf und verschicke ein paar SMS an die wichtigsten Leute, die mir spontan einfallen und sage im Netz den Nachteulen Bescheid. Dann stehe ich auf, schaue mich erneut im Schlafzimmer um und verkünde dem müden Fast-Papa, dass ich noch nicht los könne, ich müsse die Wohnung erst noch putzen. Ja. Putzen. Jetzt. Wo ich alle fünf Minuten aufs Klo renne, weil ein neuer Schub Wasser aus mir herausläuft.

Gut. Der Herzmann merkt, ich bin gerade viel zu wuselig, um mich anzuziehen und sagt nur “Okay, lass uns das Geschirr spülen.” – Gesagt, getan stehen wir in der Küche und spülen und mir geht es besser. Absurd!

Danach gehe ich noch fix unter die Dusche, schreibe die Nummer meiner Hebamme heraus, packe ein paar letzte Sachen ein und ziehe mich an bzw. lasse mich anziehen.

Als ich da so in voller Montur und Handtuch fürs Auto unter dem Arm im Flur stehe, muss ich plötzlich mit den Tränen kämpfen, kralle mir den Kater und drücke ihn, was das Zeug hält. Fast, als würde ich ihn für Wochen alleine lassen. Scheiß Hormone… Der Mann nimmt mich in den Arm und drückt mich, sagt mir, dass alles gut wird und mir geht es besser.

  • 5 Minuten Autofahrt
  • 5 Minuten bis zum Kreißsaal laufen
  • Klingeln
  • Freundlich von der Hebamme empfangen werden
  • Ausziehen, untersucht werden und dabei wieder jede Menge Fruchtwasser verlieren
  • CTG, Ultraschall und Blutabnahme
  • Gespräch mit der diensthabenden Ärztin
  • Aufnahme auf Station

Es heißt nun, ich stehe bis zwölf Uhr mittags unter Beobachtung, da ich noch keine Wehen habe und dann sehen wir weiter. Woche 36+5 – mittlerweile +6 – noch offiziell ein Frühchen… Papa Schaf wird zur Anmeldung geschickt, während die Hebamme mir nochmal den nächsten Ablauf erklärt. Kurz darauf werden wir in den 13. Stock geschickt, in “mein” Zimmer. Der Herzallerliebste muss nun  wieder heim und mir kommen (schon wieder) die Tränen, aber in ein paar Stunden ist er ja wieder da. Ich verkrümel mich also ins Bett und stöpsel mir Musik an, an die ich Gott sei Dank noch gedacht habe. Mit dem „Herr der Ringe“ – Soundtrack im Ohr sehe ich mir Fotos an, die auf meinem Handy gespeichert sind und werde wieder sentimental. Ich erwähnte bereits? Scheiß Hormone!

Auf einmal fängt mein Bauch an, sich unangenehm zusammenzuziehen… War das jetzt doch die erste Wehe? War es keine? Egal, wir ignorieren und gehen statt dessen mit dem Handy in ICQ und noch ein bisschen mit Schwester, Herzensfreundin und dem Schaf schnacken, schlafen kann ich eh noch nicht! Dann ist es ruckzuck drei Uhr morgens und der Mann und ich beschließen, dass ein paar Stunden Schlaf doch nicht so schlecht wären. Ich falle auch wirklich in eine Art Dämmerschlaf, registriere am Rande sogar noch (wie das geht, keine Ahnung), dass diese “Bauchkrämpfe” alle zehn bis zwölf Minuten kommen und döse also bis 6 Uhr so vor mich hin.

  • Aufstehen
  • Toilette, wieder Fruchtwasser
  • Block und Stift suchen und anfangen zu schreiben (Zeit totschlagen)

Um 6:17 klingel ich mal nach der Schwester, damit geklärt wird, ob das jetzt Wehen sind, oder nicht. Okay, ich bin mir ja eigentlich sicher, dass das Wehen sind, aber man kann ja nie wissen! ;)

Die Schwester macht nicht lange rum, grinst mich an und schickt mich vom 13. Stock runter in den fünften. Kreißsaal. Dort klingle ich und warte auf eine Hebamme, die mich hinein lässt. Nach meiner verpeilten Erklärung “Ich glaub, ich hab jetzt Wehen, aber vielleicht täusch ich mich auch …” werde ich ans CTG angeschlossen.

Ich habe also wirklich Wehen. Gut, muss nichts eingeleitet werden. Es tut ziemlich weh, als die Hebamme den Muttermund und auch gleichzeitig den Bauch abtastet, aua! Ich bleibe vorerst ans Gerät angeschlossen und übe derweil das Veratmen, sonst habe ich ja gerade nicht viel zu tun – der Muttermund ist zu diesem Zeitpunkt erst 2cm geöffnet.

Die Hebammen schlagen mir einen Einlauf  und danach den Wehentropf vor, damit der Vorgang beschleunigt wird, da der Blasensprung nun doch schon eine Weile her ist (Infektionsgefahr). Ich sage nur “Alles klärchen, alles was nötig ist.” und wir reden noch kurz über PDA etc. Ich erkläre, dass ich die PDA eigentlich vermeiden will und erst Pflanzliches ausprobieren möchte, falls ich es nicht ganz ohne aushalte.  Ich merke, dass ich Hunger kriege und frage, ob ich denn noch was essen könne, worauf hin mich die Hebammen zum Frühstücksbuffet schicken. Fein, fein, ich fahre schnell wieder in den 13. Stock und packe mir den Teller gehörig voll, watschle in mein Zimmer und freue mich. Aber die Augen waren mal wieder zu gierig, ich schaffe gerade ein halbes Brötchen, da habe ich schon keinen Appetit mehr… Die Uhr sagt mittlerweile auch acht Uhr morgens, okay, kurz nach acht soll ich wieder im Kreißsaal sein, also mache ich mich wieder auf den Weg nach unten – verlaufe mich natürlich ein bisschen in diesem Krankenhauslabyrinth, aber das ist eine andere Geschichte – und bin tatsächlich rechtzeitig wieder da.

Die Wehen werden jetzt aber kontinuierlich stärker, ich werde wieder ans CTG angeschlossen, das Gerät zeigt jedoch weiterhin fast keine Wehentätigkeit an. Für eine Sekunde denke ich “Oh Gott Anna, du bist soooo ein Weichei!” – da schaut mich eine der beiden Hebammen, die mich während der gesamten Geburt begleiten werden verständnislos an und fragt: “Und wieso glaubst du jetzt, du bist ein Weichei?” – da hab ich wohl laut gedacht!

Ich sage ihr, dass die Wehen doch geringfügig weh tun, aber ja fast nichts ausschlägt und ich wohl total verweichlicht bin. Sie kontrolliert das Gerät und stellt auch prompt fest, dass mit mir alles okay ist, und lediglich die Technik einfach nicht richtig funktioniert. Typisch! (An dieser Stelle erinnere ich mich an Mamas CTG-Erfahrungen, die meinen ähneln, wir haben eine schlechte CTG-Gerät-Aura!)

In der Zwischenzeit trudelt auch mein Herzmann ein, der mindestens genauso fertig und übernächtigt aussieht wie ich (jaja, die lieben Nerven) und mir geht es gleich viel besser, hauptsache er ist da.

Nun ja, dann sind wir irgendwann in einen Kreißsaal gewandert, den Einlauf und den Wehentropf brauche ich nicht mehr, ging dann doch alles ganz fix weiter und ich darf mich wieder hinlegen auf diesen tollen Geburts“stuhl“. Der Mann ist richtig toll, kümmert sich immer darum, dass ich genug trinke, hält meine Hand oder streichelt mir über den Kopf und ist ansonsten ziemlich ruhig – genau das, was ich brauche. Die Schmerzen nehmen mittlerweile immer mehr zu und ich habe das Gefühl, dass sie teilweise minutenlang anhalten, bevor ich wieder verschnaufen kann. Stets werde ich daran erinnert, schön in den Bauch zu atmen, alles für das Kind. Ich lasse nun meine Augen meist geschlossen, nur wenn ich das Gefühl habe, Galle zu spucken, reiße ich die Augen auf und sage/schreie (kann ich nicht mehr sagen, aber ich vermute letzteres ;)) “Schale!” oder “Wasser!”.

Zwischendurch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich dem Mann solche Befehle entgegen belle, aber ihm scheint das nichts auszumachen, zumindest strahlt er wie eh und je die Ruhe selbst aus, mein Ruhepol eben.

Doch als ich irgendwann zwischen zwei Wehen mal die Augen aufmache und ihn anblinzle, sehe ich, dass er Tränen in den Augen hat und kurze Zeit später kriege ich so am Rande mit, wie er aufspringt und nur sagt “Ich muss jetzt mal raus!”. Weg ist er, aber ich bin ihm nicht böse.

Hebamme Marlene (eine zuckersüße junge Hebi, die heute ihren ersten Arbeitstag in der Klinik hat) setzt sich derweil an seinen Platz, hält ab und an mal meine Hand und flüstert mir ins Ohr “Du machst das super, Anna, weiter so!”. Hebamme Inga hingegen gibt mir weiterhin strikte Befehle “Tief in den Bauch atmen!” oder “Ruhig bleiben!” oder “Auf die andere Seite drehen” und ab und zu untersucht sie den Muttermund (aua aua aua!!!).

Ich kann es kaum fassen, aber die Schmerzen werden noch schlimmer. Da meint Inga, dass ich nun noch die Möglichkeit hätte, mir die PDA legen zu lassen und dass sie mir das raten würde, auch wenn ich das vermeiden wollte und sie auch lieber ohne arbeiten würde, in meiner Situation wäre es jedoch besser. Ich bin mittlerweile so dermaßen am Ende, dass ich sage “Ja, okay, machen wir das so, geht klar, …”

Gesagt, getan warten wir (eine gefühlte Ewigkeit) bis die Herren Anästhesisten endlich eintrudeln und ich darf mich hinsetzen, was mich sehr viel Anstrengung kostet und irgendwie ist es mir peinlich, dass ich immer wieder wegen Wehenschmerzen Pausen einlegen muss… Ich Doofnuss! Ich soll nun schön den Rücken krümmen und dann legt der Herr los. Hm, schlimm ist es nicht, aber hört sich schon irgendwie gruselig an, das ganze Geknacke. Auf einmal höre ich ein leises “Das ist nicht gut” hinter mir, der Anästhesist flucht leise vor sich hin und sagt dann zu irgendjemandem “Es wurde eine Vene getroffen, da kommt Blut, wir können da nichts legen” und dann zu mir “Wir müssen leider noch einmal von vorne anfangen”… Und mir rutscht raus “Is mir egal, macht nur hinne, ich will nicht noch länger sitzen!”

Gut, im zweiten Anlauf klappt es dann doch und jetzt dauert es angeblich weitere 20 Minuten, bis das ganze Zeug wirkt, ich bin gespannt! Weiterhin habe ich die Augen geschlossen, darf mich nun wieder hinlegen und irgendwie ist der Herzmann immer noch nicht wieder da. Ich bekomme eine kleine Panikattacke und sage “Das Schaf muss jetzt hier sein, er soll herkommen.. HOLT IHN HER!” Ich höre mich mittlerweile auch selbst schreien bei vielen Wehen, und ich versuche mich noch mehr zu konzentrieren. Ruhig atmen, nicht schreien, keine Panik, denk an dein Asthma, das bringt nichts! Aber ich kann mich immer weniger kontrollieren.

Der Mann taucht in der Zwischenzeit wieder auf, ich stelle nebenbei fest, dass er doch ziemlich blass aussieht und er tut mir unendlich leid… Dann packe ich seine Hand und quetsche, als die nächste Wehe anrollt. “Wie lange muss ich denn noch warten, bis die PDA wirkt?” frage ich. Daraufhin meinen die Hebammen, dass sie mittlerweile schon wirken sollte, aber ich wissen solle, dass die Schmerzen dadurch ja nicht ganz verschwinden. Es sollte sich nur ein Taubheitsgefühl einstellen und der Schmerz dumpfer werden. Ich erwidere, dass ich das weiß, aber ich nicht das geringste bisschen Erleichterung verspüre, die Schmerzen im Gegenteil immer stärker werden!!!

Inga befiehlt “Leg dich auf den Rücken, ich kontrolliere den Muttermund!” und ich gehorche, kann mir aber das Meckern (“ich mag mich net drehen, das tut weh!”) nicht verkneifen, sie ignoriert mich. Gleich darauf stellt sie fest “Muttermund ist bei 9,5cm, noch ein paar Wehen und es kann los gehen!”

Ich schlucke… Jetzt ist es also soweit, bald ist unser Sohn bei uns…

Um 12 Uhr ist der Muttermund bei 10 cm.

Es geht los, Endpsurt…

“Und jetzt schieben, feste schieben” – ‘Mit schieben meinst du pressen?’ – “Ja, FESTE.. Und jetzt wieder tiiiief durchatmen, immer schön in den Bauch atmen, denk ans Baby. Gleich ist es geschafft. Gleich ist alles vorbei.”

Gleich? JETZT, ich will dass das JETZT vorbei ist! Ich halt das nicht mehr aus, ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr, lasst mir meine Ruhe!

Das und ähnliche Sätze denke ich, wimmere ich vor mich hin oder motze ich in den Raum. Ich dachte, am Ende geht alles so schnell? Zack, zack und dann ist der Kopf draußen und der Rest geht dann von selbst…? Pah! Falsch gedacht, Madame. Ich presse und kralle mich an den dafür vorgesehenen Halterungen fest, zerquetsche des Mannes Hand und heule. Zwischendurch bekomme ich Schüttelfrost-artige Anfälle, die immer schlimmer werden, die ich nicht stoppen kann, ich habe einfach keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Dann schimpft Inga immer wieder mit mir “Nicht atmen! Pressen! Fester, noch ein Stück, ja, ja, ich seh‘ das Köpfchen!” – Pause – “Okay, bei der nächsten Wehe dann.” Und ich denke mir “Meine Güte, ich brauch aber doch auch Sauerstoff!!! Außerdem will ich nicht, dass mein Kopf platzt!” Immer wieder spüre ich meinen unregelmäßigen Herzschlag und dass ich atmen MUSS, weil ich sonst einen Asthmaanfall bekomme, auch wenn ich weiß, dass ich den Druck konstant halten muss. “Frau Schaf, machen Sie die Augen zu beim pressen!” ich schließe die Augen und der Mann flüstert mir ins Ohr “Oder willst du, dass die Augen raus ploppen?” – ich muss lachen.

So geht das eine ganze Weile und ich merke immer mehr, wie meine letzten Energiereserven langsam aufgebraucht sind. Der diensthabende Arzt rauscht immer wieder ins Zimmer und checkt die Lage. “Das Kind muss jetzt raus, die Herztöne fallen bei den Wehen zu sehr ab” sagt er, aber ich kriege das alles nur noch am Rande mit und Gott sei Dank kann mein Hirn sich in diesem Moment keine Sorgen machen.

“Wir versuchen das jetzt mit Saugglocke, Frau Schaf.” Und schon wird wieder an mir herumgespielt, bei der nächsten Wehe presse ich wieder, was das Zeug hält, aber außer NOCH mehr Schmerz tut sich nichts. Der Arzt brabbelt wieder vor sich hin, ich verstehe nichts davon und werde immer ungeduldiger. Ein paar weitere Saugglockenversuche später hat sich immer noch nichts getan und ich falle in ein erschöpftes, nörgeliges, ungeduldiges, panisches Heulen und schnauze herum, dass ich keinen Bock mehr habe und nicht mehr kann, worauf hin von mehreren Seiten nur kommt “Doch, Frau Schaf, Sie können und Sie müssen!” – na gut…

Wieder später – ich habe keine Ahnung, ob‘s nur ein paar Sekunden waren oder länger, mir kommt es wie eine Ewigkeit vor – untersucht Inga die Lage des Kindes, wie der Kopf liegt und so weiter und als sie anfängt, abzutasten, habe ich das Gefühl, jetzt, jetzt sterbe ich, so sehr tut es weh. Dann bekomme ich irgendetwas mit von “liegt nicht richtig, hängt fest” oder sowas und ich schreie in den Raum “Holt den jetzt endlich raus da!!!!”

Danach geht auf einmal alles sehr schnell, der Arzt versucht eine andere Saugglocke, ich presse, was das Zeug hält und spüre, dass da jetzt mehr Widerstand ist, dass da was ist, dass es jetzt endlich weiter geht und durch dieses Wissen angespornt beiße ich noch einmal die Zähne zusammen und presse. “Wir machen jetzt einen Dammschnitt, Frau Schaf, sonst klappt‘s wieder nicht.” – ‘Jaja, macht nur, mir egal, er soll raus!’. Den Schnitt spüre ich nicht, auf einmal ein Ruck, von allen ein erleichtertes “Der Kopf ist draußen” und vom Arzt kommt noch “ein Sterngucker”, doch noch bevor die nächste Wehe einsetzt höre ich ein leises Wimmern und alles, einfach alles steht für einen Moment still… Mein Baby ist da…

Noch einmal presse ich, an mir wird gezogen und dann - 14:17 am Mittwoch den 03.11.2010 - fühle ich mich auf einmal wie schwerelos. Leer. Erleichtert. Einfach glücklich. Die Schmerzen von gerade eben sind egal, alles ist egal, ich giere nach meinen Sohn, ich will ihn sehen, ich will ihn halten, ich will ihn riechen, einfach bei mir haben. Da wird er mir auch schon, eingewickelt in ein Handtuch, auf die Brust gelegt. Ich weine still und starre unser Wunder an. Der Herzensmann macht erst ein Foto von uns beiden, legt dann den Arm um mich und ich fühle mich so glücklich, wie noch nie zuvor. Marlene macht mit meinem Handy schnell noch zwei Fotos von uns Dreien und dann muss ich Lukas schon dem Kinderarzt übergeben.

Der Mann sprintet zum Kinderarzt und begutachtet alles, kann genauso nicht genug von IHM bekommen und ich liege ein bisschen vor mich hin dämmernd einfach so da.

Inga und eine andere Ärztin kümmern sich derweil um die Plazenta, die auch ein wenig Mucken macht, sich nicht lösen will. Der Sohnemann hat die erste Untersuchung über sich ergehen lassen, ohne zu murren und liegt nun wieder auf meiner Brust, nebenbei knetet (das ist lieb ausgedrückt) Inga auf meinem Bauch herum und von unten wird an der Nabelschnur gezogen, damit die Plazenta endlich abgeht. Irgendwann ist auch das geschafft (es tat zwar weh, aber ich war so abgelenkt von Lukas, es war mir so egal…) und man macht sich ans Nähen.

Dann packt sich irgendjemand – ich weiß nicht mehr wer – Lukas, macht ihn etwas sauber und zieht ihm seine ersten Klamotten an. Nein, sie sagt  “So, der Vater darf gleich mal das Anziehen üben und wir schauen, wie gut er das kann” – ich hätte total geschluckt, er macht aber alles erstaunlich souverän und ich platze vor Stolz.

Wir bleiben noch etwa eine Stunde im Kreißsaal, ich darf Lukas gleich das erste Mal anlegen und er saugt friedlich vor sich hin, ein paar Formalitäten werden erledigt, aber ich kann mich eigentlich nicht mehr genau erinnern, was alles gemacht wurde, mein Universum dreht sich nur noch um den kleinen Mann. Ich werde irgendwann aufs Klo geschickt, danach darf ich mich anziehen, mich in einen Rollstuhl setzen, Lukas halten und werde in mein Zimmer gebracht.

Die nächsten Stunden waren sehr verschwommen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich getan habe – neben Lukas anstarren und fassungslos glücklich sein – aber das ist auch egal. Die Schmerzen waren vorbei. Und im Nachhinein hatte ich wirklich noch Glück. Zwischen Blasensprung und Geburt sind gerade einmal 15 Stunden vergangen. Nicht schlecht für die erste Geburt, würd ich mal sagen. Hätte auch noch stundenlang so weiter gehen können. Ist es aber nicht. Und es ist ja auch so unwichtig. So extrem unwichtig.

Lukas, 52 cm, 2820 g, 33 cm Kopfumfang

=)

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