Manchmal überrascht mich eine plötzlich aufflammende Wehmut mein “altes” Ich betreffend. Das Ich, das oft mal bis in die Puppen schlief, nur von Tag zu Tag lebte, sich nachts ins Bett legte, um ein paar Sekunden später einzuschlafen, ohne Gedankenkarussell. Das Ich, das regelmäßig und oft, meist sehr spontan wegging, und wenn es nur auf ein Bier im Lieblingspub war, oder am Kanal auf einer Decke liegend die Sterne beobachtete. In die Uni ging und Spaß daran hatte. Sich in Züge setzte und quer durch Deutschland fuhr – oder auch mal (ziemlich spontan) in die USA flog, um Freunde zu besuchen. Das Ich, das die unterschiedlichsten Nebenjobs hatte, vom Tankstellenwart über Zimmerdame bis hin zur Bedienung (und Entertainerin, Hausaufgabenbetreuung und Dekorateurin) in einem Kindercafé. Das Ich, das viele, viele Träume hatte und sich ausmalte, wie es so sein würde, wenn sie verwirklicht werden. Das sich über Stunden in eine Bücherwelt flüchtete, die Geschichte nur weglegte, um auf die Toilette zu gehen oder eine Kleinigkeit zu essen. Aber auch das Ich, das ständig Sehnsucht hatte. Sehnsucht nach den Zukunftskindern.
Heute kann ich nicht mehr so lange schlafen, wie ich möchte oder könnte. Da steht nämlich (zur Zeit) ein kleiner Mann zwischen 4 und 5 Uhr morgens am Bett und sagt putzmunter “Mama, aufstehen bitte!” und reißt mich so aus dem Schlaf. Ich kann nicht mehr einfach so einschlafen, denn ich liege erst noch eine Weile im Bett und denke nach, über das, was am Tag alles so passiert ist, über die Dinge, die ich morgen unbedingt noch erledigen muss, die ich auf keinen Fall vergessen darf, über Sorgen, kleinere und größere. Oft weggehen – geht nicht, will ich auch nicht, meistens. Spaß an der Uni? Naja, notwendiges Übel zur Existenzsicherung und der Ehrgeiz, das “Ding” endlich ad acta zu legen. Quer durch Deutschland fahren, verschiedene Städte und Freunde besuchen, das vermisse ich wirklich, aber es wird die Zeit kommen, in der ich das wieder tun kann, also was solls! Mittlerweile habe ich nur noch einen Nebenjob, den ich sehr gern mache. Ich lese immer noch viel und ich kann immer noch genauso wenig ein Buch aus der Hand legen, wie “damals”, doch jetzt muss ich eben dafür zahlen – mit Augenringen bis zum Bauchnabel zum Beispiel, aber das ist schon okay so.
Wenn ich dann jedoch laut die Musik, meine Musik, aufdrehe, wild durch die Wohnung tanze und mitgröhle oder mich in tiefschwarze Klamotten (mit zerrissenen Strumpfhosen) schmeiße, merke ich, ich bin doch immer noch ich. Und das ist gut so.
Und was ist mit der Sehnsucht? Sehnsucht habe ich noch immer, das ist kein Geheimnis. Unsere Familie hat noch ein paar freie Plätze, die gefüllt werden wollen. Und die Träume, die sind ja nicht gestorben, einige sogar schon in Erfüllung gegangen. Aus meinen Träumen wurden unsere Träume. Und genau das sind die Stichwörter: Familie und Wir. Ich habe meine kleine Familie. Meinen Mann und mein wundervolles Kind.
Ich lebe glücklich, was will ich mehr?